WEISS-BLAU STATT TIEFROT. EIN BMW FAN IN DER DDR.

Frank „Bongo“ Rotzsch hat Musik im Blut. Nach seinem Studium von Schlagzeug und Gesang in Dresden wartete kein Kombinat und keine Brigade auf ihn, sondern ein erstaunlich freies Leben. Mit verschiedenen Bands tourte er durchs Land und brachte Abwechslung in den oft allzu grauen Alltag seiner Mitbürger.

Natürlich wurde er dabei misstrauisch beäugt von Stasi-Agenten, die gerade bei Künstlern wie ihm gerne den Klassenfeind vermuteten. Dazu gab es noch den Onkel, der bereits in den Fünfzigern „rübergemacht“ hatte und Frank vom Westen aus fleißig mit Informationen und Broschüren ihrer beider Lieblingsmarke versorgte – BMW.

Musiker Frank „Bongo“ Rotzsch

EMW statt BMW

BMW produzierte seine Autos zuerst nicht in München, sondern in Eisenach, nachdem das Unternehmen 1928 die überschuldeten DIXI-Werke gekauft hatte. Ikonen wie der 326, der 327 oder gar der geniale Roadster 328 rollten hier vom Band. Nach dem Krieg fiel das Werk Eisenach in die sowjetische Einflusszone und war fortan von der Münchner Zentrale abgeschnitten. Dennoch gab es bald wieder eine Autoproduktion, die im Grunde das fortführte, was sie vor dem Krieg schon gefertigt hatte, mit ein paar Detailänderungen. Sogar BMW stand drauf – bis man sich nach kurzem Streit in EMW, also „Eisenacher Motoren Werke“, umbenannte. Das Logo war weiß-rot anstelle des bayerischen Weiß-Blau.

Mit Musik und sechs Zylindern

Der EMW 340-2 war eine stattliche Limousine, abgeleitet vom Vorkriegsmodell BMW 326. Seine geräumige viertürige Karosse bot viel Platz, sein Sechszylinder Laufruhe und Kraft. Genau richtig für Frank, dessen teils siebenköpfige Band damit das ganze Land bereiste, Hänger und Dachträger inklusive. Da war der fast immer als Taxi oder Behördenfahrzeug ausgelieferte EMW natürlich schon längst ein in die Jahre gekommener Gebrauchtwagen. Also fuhren auch stets Ersatzteile mit, vor allem Torsionsstäbe für die Hinterachse – DDR-Straßen waren berüchtigt. Sechs oder sieben solcher stattlicher EMW kamen und gingen.

BMW 323i Oldtimer
BMW 323i Oldtimer

Traumwagen EMW 327

Ein ganz besonderes Auto aber war der EMW 327, der bis auf die eckigen Blinker dem Vorkriegsmodell BMW 327 entsprach. In kleiner Stückzahl bis 1955 gebaut, dürfte er das Traumauto schlechthin im Arbeiter- und Bauernstaat gewesen sein. Genau so einen, im passablen Zustand, gönnte sich Frank, als sich eine Gelegenheit bot. Doch Jahre später verkaufte er ihn für ein vermeintlich verlockenderes Angebot, einen BMW 1800. Leider war der Verkäufer ein Betrüger, die schmucke Limousine gar nicht sein Eigentum, und Frank musste sie wieder abgeben – ohne das Geld dafür je wiederzusehen. Immerhin durfte er seinen EMW 327 zurückkaufen, er bezahlte ihn also zum zweiten Mal.

Gegen alle Widerstände

Mit Hilfe seines Schwiegervaters aber gelang Frank irgendwann das schier Unmögliche. Er importierte seinen Traumwagen aus dem Westen, einen BMW 323i, Baureihe E21. Was für eine Ansage zwischen all den grauen Trabant und Wartburg! Was die Behörden normalen Bürgern verwehrten, machte der Schwerbehindertenstatus seines Schwiegervaters möglich. Er wurde zum entscheidenden Schlüssel des Erfolgs. Auch beim zweiten Mal, als es wieder ein 323i sein sollte, nur diesmal aus der späteren Baureihe E30. Mühsam ertrotzt gegen einen Staat, der das ganz und gar nicht erlauben wollte, auch nicht im Sommer 1989. Später musste dann keiner mehr fragen. Der Rest ist Geschichte.

Erinnerungs Fotos
BMW 323i vor der Restauration

Abschied und Wiedersehen

Aus der ersehnten Restaurierung seines seit Jahren nicht mehr genutzten EMW 327 wurde allerdings nichts. Der allgemeine Zustand war mittlerweile so schlecht geworden, dass nur eine aufwendige Komplettrestaurierung ein wirklich gutes Ergebnis versprochen hätte. Ein teurer Spaß, von dem selbst Franks Sohn, immerhin Kfz-Mechatroniker, abriet. Frank verkaufte das rare Cabrio und gönnte sich vom Erlös ein Motorrad – eine schmucke BMW R 1200 C. Cruiser-Gefühle in einem endlich freien Land.

Die unerwartete Wiederbegegnung im Jahr 2020 bewegte Frank sehr. Jetzt war sein EMW 327 genauso strahlend schön restauriert, wie er ihn sich immer gewünscht hätte. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Sogar der Erstbesitzer, von dem Frank den Wagen einst gekauft hatte, meldete sich fast zeitgleich bei ihm. Viel Zeit zum Träumen also. Für einen, dessen Herz schon für Weiß-Blau schlug, als es eigentlich nur eine Farbe geben durfte: Rot wie der Sozialismus.

Mit seinen 68 Jahren könnte Frank längst an Ruhestand denken, doch das wäre ihm viel zu langweilig. Als DJ Bongo tourt er weiterhin durchs Nachtleben, macht das, was er am besten kann, nämlich gute Laune, und kutschiert Partygäste mit einem GAZ-69 durch die Weinberge seiner Heimat. Der knorrige russische Militärgeländewagen stand früher sicher nicht auf Franks Traumautoliste, jetzt zaubert er ein Lächeln in jedes Gesicht. Wenn das keine Pointe der Geschichte ist.

Video Weiß-blau statt tiefrot